Für Samstag, den 24. Oktober, wurde in Frankreich erneut ein landesweiter Protesttag angekündigt. Jetzt rühren sich auch die „Gelbwesten“ wieder, und es wird erneut zu Blockaden von Straßen und Tankstellen aufgerufen. Warum hat das Demonstrieren in Frankreich eine so lange Tradition? Und wie verschafft man seinen Forderungen in unserem Nachbarland Gehör? Von Merguez-Würstchen bis zur Streikmüdigkeit: Wir tauchen im Folgenden ein in die französische Protestkultur.
Die Gelbwesten sind zurück
Der nationale Protesttag am 17. Oktober 2026 führte in verschiedenen französischen Städten – darunter Paris, Lyon, Bordeaux, Nizza, Marseille und Limoges – zu weitreichenden Ausschreitungen. Gruppen von Randalierern und Plünderern nutzten die Demonstrationen für ein besseres Bildungswesen und gegen die hohen Kraftstoffpreise für gewaltsame Ausschreitungen: Geschäfte wurden geplündert, Gebäude in Brand gesetzt, und die Polizei musste unter anderem Tränengas und Wasserwerfer einsetzen. Dennoch konnten die Ordnungskräfte bei weitem nicht alle Zerstörungen und Plünderungen verhindern.
Und kommen nun auch die Gelbwesten zurück? Diese französische Bewegung entstand im November 2018 als Protest gegen höhere Kraftstoffsteuern und fand vor allem Anklang bei berufstätigen Franzosen, Kleinunternehmern sowie Bewohnern ländlicher Gebiete und Vororte, die oft auf das Auto angewiesen sind. Nach Jahren relativer Ruhe versammeln sich die „Gelbwesten“ nun erneut, unter anderem wegen der extrem hohen Kraftstoffpreise und der geplanten Sparmaßnahmen.
Neue Protesttage wurden angekündigt
Für Samstag, den 24. Oktober, sind erneut Demonstrationen sowohl der Gelbwesten als auch von Schülern geplant. Außerdem gibt es Aufrufe zu einem 3. Protesttag am Samstag, dem 31. Oktober (Halloween). Und für Donnerstag, den 5. November 2026, wurden landesweite Streiks angekündigt, unter anderem bei der französischen Eisenbahn.
Frankreich steht aufgrund der hohen Staatsverschuldung unter finanziellem Druck
Frankreich befindet sich derzeit in einer politischen und finanziellen Krise. Die Staatsverschuldung wird voraussichtlich bis Ende des Jahres auf 119 % des BIP ansteigen. Um die öffentlichen Finanzen in Ordnung zu bringen, will die Regierung bis 2027 ganze 54 Milliarden Euro einsparen. Diese Pläne sorgen also für Unruhe, unter anderem im Gesundheitswesen, da die französischen Krankenhäuser bereits seit Jahren mit hoher Arbeitsbelastung und Personalmangel zu kämpfen haben. Für diesen Herbst sind verschiedene Streiks und Demonstrationen angekündigt, unter anderem im Gesundheits- und Bildungswesen sowie im öffentlichen Dienst.
Schüler in AktionAuch französische Schüler machen in diesem Herbst auf sich aufmerksam. Seit Mitte September kommt es an verschiedenen Gymnasien (lycées) zu Protestaktionen und Blockaden, unter anderem gegen den Lehrermangel, die überfüllten Klassen und den schlechten Zustand einiger Schulgebäude. Die Aktionen haben inzwischen auch eine politische Dimension angenommen, unter anderem durch die Unterstützung der linken Partei „La France insoumise“ (LFI). Obwohl viele Proteste friedlich verlaufen, kam es an einigen Schulen auch zu Ausschreitungen und Sachbeschädigungen
Eine Wörterliste für mehr Durchblick
La Manif’
Gängige Abkürzung für manifestation (Demonstration, Kundgebung). Der französische Abkürzungsfimmel macht eben vor nichts halt, schon gar nicht vor so alltäglichen Dingen wie Streikdemos.

1. Mai
Der erste Tag im Mai ist – wie bei uns – La Journée internationale des travailleurs, oder auch La Fête du Travail genannt. An diesem Tag der Arbeit haben alle frei; und fast alle Unternehmen, Geschäfte, Denkmäler und Museen sind geschlossen. Die Tradition des 1. Mai hat ihren Ursprung in Amerika, wird aber seit dem 1. Mai 1889 auch in Frankreich gefeiert. Wie bereits erwähnt, finden an diesem Tag zahlreiche Demonstrationen für die Rechte der Arbeitnehmer statt: jedes Jahr etwa 250 im ganzen Land.
Die Maiglöckchen (muguets), die die Franzosen am 1. Mai ihren Verwandten und Liebsten überreichen, haben eigentlich keinen direkten Bezug zum Tag der Arbeit: Mit diesen Blumen schenkt man sich gegenseitig „Glück“ und „Liebe“.

Place de la Bastille & Place de la République
Auf diesen zwei großen Pariser Plätzen starten oder enden die meisten Demonstrationen. Sie sind symbolische Orte, denn auf der Place de la Bastille begann 1789 die Französische Revolution und auf der weitläufigen Place de la République steht die 9,5 Meter große Statue der französischen Nationalfigur Marianne. Hier finden jedes Jahr über 250 Kundgebungen statt. 2015 endete hier der Gedenkmarsch nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo.
Merguez
Die scharfen Würstchen gehören in Frankreich zu Demonstrationen wie der Christbaum zu Weihnachten. Auf jeder manifestation sieht man qualmende Buden, an denen die Streikenden mit gegrillten merguez versorgt werden. Von der Wut im Bauch allein wird man schließlich nicht satt.
Geschönte Teilnehmerzahlen
Ein interessantes Phänomen, das wir auch kennen (obgleich in geringerem Ausmaß), ist die Differenz zwischen den von den Gewerkschaften und der Polizei nach einer Demonstration verkündeten Teilnehmerzahlen. In Frankreich können diese besonders weit auseinanderklaffen.
Was auffällt: In einer südlichen Stadt wie Marseille scheinen die Organisatoren weitaus mehr zur Übertreibung zu neigen als in Paris. Dort kann es schon mal vorkommen, dass die angegebene Zahl zehnmal höher liegt als die Schätzungen der Polizei.
La grève
La grève heißt Streik und ist in Frankreich alles andere als selten. Mit 127 Streiktagen pro 1000 Arbeitnehmer sind die Franzosen Weltmeister auf diesem Gebiet. Im Unterschied zu ihren nördlichen Kollegen streiken französische Arbeitnehmer nämlich oft schon vor Beginn der Tarifverhandlungen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Bei uns hingegen gilt der Streik eher als letztes Druckmittel, wenn keine Einigung in Sicht ist.
Aktuelle Streikvorhersage
Im Herbst werden normalerweise regelmäßig Demonstrationen organisiert. Lokalzeitungen und regionale Radiosender geben dann gleich nach den Staumeldungen bekannt, wo es aufgrund von Demonstrationen zu Behinderungen kommt. Auf Websites wie cestlagreve.fr (gibt es sogar als App!) kann man sich informieren, wo überall die Räder stillstehen.
Service minimum
Öffentliche Dienste und Einrichtungen wie Nahverkehr, Feuerwehr und Krankenhäuser sind dazu verpflichtet, während des Streiks einen „Minimalservice“ zu bieten.
Droit de grève limité
Im April 2024 hat der französische Senat ein Gesetz verabschiedet, welches das Streikrecht im öffentlichen Verkehr an Feiertagen und in den Schulferien einschränkt (das sind nämlich sehr beliebte Streiktage u. a. bei der SNCF).
Die französische Bahn nutzt das oft gleich richtig aus und lässt nur 1 von 10 Zügen fahren.Auch im Flugverkehr kann es zu Einschränkungen kommen (Tipp: Falls euer Flug wegen eines Streiks ausfallen sollte, kann euch AirHelp dabei unterstützen, eine Flug-annulliert-Entschädigung für den verspäteten bzw. annullierten Flug zu erhalten).

Grève reconductible
Der letzte Generalstreik wurde als „grève reconductible“ (verlängerbarer Streik) angekündigt, was bedeutet, dass die Aktionen ohne Zeitlimit weiterlaufen können. Dann verkauft die französische Bahn vorsichtshalber schon gar keine Zug-Tickets für die nächsten Tage mehr.
Les syndicats
Das französische Wort für Gewerkschaften. Die sind in Frankreich nach wie vor besonders mächtig und einflussreich, obwohl gerade mal 11 % der berufstätigen Franzosen einer Gewerkschaft angehören. Damit zählt der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Frankreich zu den niedrigsten von ganz Europa.
Donnant-donnant
Schöner Ausdruck (geben-geben) für das, was wir „geben und nehmen“ nennen. Man kommt einander entgegen, zeigt sich kompromissbereit, macht Zugeständnisse … solange beide Seiten damit leben können. Und sonst? Wird gestreikt.

„Wir streiken bis zur Rente, hahaha!“
Mai 1968: 9 Millionen Streikende
Das Frühjahr 1968 gilt noch immer als die bekannteste und längste Streikperiode in der französischen Geschichte. Eine Studentenrevolte in Paris wuchs sich zu einem Generalstreik aus, der fast einen Monat andauerte und an dem sich 9 Millionen Arbeitnehmer beteiligten.
Streikmüdigkeit in Frankreich
Ihren Ruf als Streikweltmeister werden die Franzosen zwar nicht so bald loswerden, doch feststeht, dass die Anzahl der Streiks seit 1970 allmählich zurückgeht. Im Prinzip solidarisieren sich Franzosen gerne mit den Streikenden, doch vor allem in Paris lässt sich in den letzten Jahren ganz klar eine gewisse „Streikmüdigkeit“ beobachten. Wenn die Busse und Metros schon wieder nicht fahren, die Kinder nicht zur Schule können oder der Müll wieder mal tagelang nicht abgeholt wird, hat man eben irgendwann auch die Nase voll. Und so gibt es im Streikland Frankreich heutzutage sogar Demonstrationen gegen den Streik, wie dieses schöne Bild von 2010 zeigt.

„Papa est fatigué, arrêtez de le faire marcher ! Stop la grève !“ (Ein Wortspiel mit dem Ausdruck faire marcher, das sich auf die Streiks im öffentlichen Nahverkehr bezieht: „Papa ist müde! Hört auf, ihn zu verarschen! / Hört auf, ihn zur Arbeit laufen zu lassen! Schluss mit dem Streik!).
Bilder: CC/Hervé Corcia (Gymnasiasten), CC/Gongasian (Marianne), CC/Philippe Leroyer (Stop la grève), CC/Jean-Yves Romanetti (Graffiti). Quellen: Challenges (Place de la République), Europe 1 (800 Streiks 2016), Slate.com (Teilnehmerzahlen), The Local (Streiktage pro Arbeitnehmer), VRT (Frankreich bleibt Streikweltmeister), Les Echos (weniger Streiktage, mehr Demonstranten).
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